Es ist zehn Uhr morgens. Sylvia Dänzer hat soeben ihren Privatkiosk vis-à-vis vom Berner Bärenpark geöffnet. Die Kundschaft verlangt Kaffee, Mineralwasser, Zigaretten, Postkarten. Gegenüber strömen schon die Massen zum Bärenpark. Die Jungbärli Urs und Berna wirken immer noch als Publikumsmagnet. Plötzlich wird es betriebsam vor dem Kioskhäuschen. Eine Gruppe englischsprachiger Kinder mit zwei Betreuerinnen steht dort. Lauthals melden sie ihre Wünsche an. Dänzer verkauft Glace für 37 Franken.

ZWEI SCHWIERIGE JAHRE Die 40jährige Kioskfrau wirbelt hin und her, sagt: «Ich bin eben temperamentvoll, schreiben Sie das nur!» Sie bedient die Kundschaft mit einem Lachen, begrüsst Stammkunden, hat immer wieder Zeit für ein paar Worte. Man merkt, dass sie gerne hier arbeitet. «Ich liebe den Job heiss. Hier ist mein Herzblut drin», sagt sie und strahlt zufrieden. Auch darüber, dass das Geschäft wieder läuft. Denn das war nicht immer so. Ganz im Gegenteil.
Dabei ist Dänzer eine erfahrene Kioskfrau. Seit 1991 hat sie «ihren» Kiosk schon für die Valora AG geleitet. Doch Ende 2005 will ihn die Valora schliessen. Die Deutschschweizer Kiosk-Monopolistin ist im gegenüberliegenden alten Tramdepot beim ehemaligen Bärengraben beteiligt. Dort betreibt sie auch einen Kiosk. Zwei Kioske am Bärengraben sind ihr zu viel.
In dieser Situation tritt die Stadt Bern als Besitzerin des denkmalgeschützten, mit farbigen Turmbiberschwanzziegeln gedeckten Holzhäuschens auf den Plan. Sie bietet Dänzer den Kiosk zur Pacht an. Die engagierte Kioskleiterin muss nicht lange nachdenken. Sie kratzt das Startkapital von rund 20000 Franken zusammen und übernimmt den Betrieb per 1. Dezember 2005. Aus «ihrem» Kiosk wird ihr «Kiosk du monde ». Dänzer, die schon 15 Jahre am gleichen Standort gearbeitet hat, weiss, worauf sie sich einlässt. Und tatsächlich läuft zunächst alles wie geplant.
Doch 2008 und 2009 werden zu schwierigen Jahren für die Selbständige. Im Sommer 2008 wird die Umgebung des Bärengrabens zur Grossbaustelle: Der Bärenpark entsteht. Doch damit nicht genug: Im Frühjahr 2009 muss Pedro, der letzte Bärengraben-Bär, eingeschläfert werden. Der Arme litt an unheilbarer, äusserst schmerzhafter Arthrose. Eine Grossbaustelle mit Lärm und Dreck und ein leerer Bärengraben: kein Wunder bleiben die Touristinnen und Touristen aus. Und damit auch ein erheblicher Teil von Dänzers Kundschaft. Der Umsatz bricht um die Hälfte ein.
«Es war ein eineinhalbjähriger Überlebenskampf», sagt Dänzer heute. Sie habe um ihre Existenz gefürchtet. Obwohl sie mittlerweile alleine den Kiosk betrieb, sechs Tage die Woche arbeitete, seien ihr nach Abzug der Fixkosten teilweise nur 100 Franken zum Leben für einen Monat geblieben. «Nur dank meiner starken Familie, dank meinen Freunden im Rücken und dank der Stammkundschaft habe ich diese schwierige Zeit durchgestanden.»

NICHT MEHR MIT VALORA Ihre ehemalige Arbeitgeberin, die Valora AG, hat Dänzer in dieser Zeit als nicht gerade entgegenkommende Geschäftspartnerin kennengelernt. Verhandlungsspielraum mit der Lieferantin habe es bei Zahlungsschwierigkeiten nicht gegeben. Die Konsequenz: Per Anfang dieses Jahres hat sich Dänzer von der Valora getrennt. Das heisst: sie kann keine Presseartikel mehr im Sortiment haben. Der «Kiosk du monde» setzt nun ganz auf Touristen- und Souvenirartikel.
Das hat sich bisher bewährt. Nicht zuletzt, weil das Schicksal Dänzer eine zweite Chance gewährte: in Form der Bärenbabies Urs und Berna, die im Dezember zur Welt kamen. Seit sie im Bärenpark herumtollen, steht die halbe Schweiz Kopf. An Ostern war die ganze Berner Nydeggbrücke, von der man in den Bärenpark sieht, voller Leute. Die Polizei musste sie aus Sicherheitsgründen sperren. Mit den Leuten stieg Dänzers Umsatz: Im April und Mai um ganze 60 Prozent. «Die Bärli haben mich gerettet», sagt sie.
Zumal die Kioskfrau mit Unternehmersinn klug eingekauft hat. Postkarten mit Fotos der Jungbären von Yves Maurer gibt es exklusiv bei ihr. Und auch das übrige Sortiment (neben Getränken, Glaces und Zigaretten) ist ganz auf die Bären ausgerichtet: Plüschbären in allen Grössen, Schlüsselanhänger, Flaschenöffner, Magnete und und und. Alles ansprechend präsentiert. Sie habe eben eine kreative Ader, sagt Dänzer, die nach der Verkaufslehre noch eine Ausbildung zur Kosmetikerin absolviert hat.
Nun kann sich Dänzer das nötige finanzielle Polster erarbeiten, damit sie im Winter mit den Überschüssen des Sommers über die Runden kommen kann. Dieses Jahr will sie sich im November sogar «vierzehn Tage Betriebsferien leisten, wie das alle anderen auch machen». Trotz der harten Erfahrung hat sie sich entschieden, weiterzumachen.
Aber einfach einen Quartierkiosk übernehmen, wie das Valora nun vielen Kioskleiterinnen vorschlägt – dieses Risiko würde Dänzer nicht eingehen. Auch weil in ihren Augen die Bindung an das Valora-Sortiment es schwerer macht, mit einem Privatkiosk genügend Gewinn zu erwirtschaften. Immerhin, sie hat es geschafft, vorläufig. Was aber, wenn die Bärli gross geworden sind? «Dann kommen neue», sagt Dänzer lachend, getreu ihrem Motto: «Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag.» Und fügt ernsthaft hinzu: «Wir werden es sehen.»

work, 1.07.2010