Eine Firma, die 30 oder mehr Leute entlässt, muss einen Sozialplan aushandeln. Doch Charles Vögele kümmert das nicht. Von Christian Egg (Foto: Michael Schoch und Keystone)

Es ist ein massiver Kahlschlag beim Modekonzern Vögele: 88 von 320 Angestellten am Hauptsitz in Pfäffi kon SZ verlieren die Stelle. Es trifft die Abteilungen Einkauf, Design und Budgetierung (work berichtete).
Doch anstatt zusammen mit den Betroffenen eine Lösung zu finden, geht das Management unter CEO Markus Voegeli auf Konfrontationskurs. Das berichten mehrere entlassene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einkäuferin Irene Eicher (48), nach zehn Jahren von Vögele auf die Strasse gestellt: «Die Chefs haben nie auch nur mit einem Wort die Situation bedauert oder uns für den langjährigen Einsatz gedankt. Stattdessen sagte mir CEO Voegeli unverblümt: Ja, Frau Eicher, jeder muss halt seine Karriere selber in die Hand nehmen.»

VÖGELE EISKALT
Der fehlende Respekt gegenüber den Angestellten zieht sich durch die ganze Geschichte. Und die begann für viele in den Ferien: Am 4. Januar gab das Modeunternehmen den Stellenabbau bekannt. Corinna Fischer, Leiterin Markeneinkauf, erinnert sich: «Etwa die Hälfte der Betroffenen waren noch gar nicht im Büro.» Für die 55jährige, die ebenfalls nach zehn Jahren entlassen wird, ist es offensichtlich: «Sie wollten uns überrumpeln.»
Eigentlich ist klar: Ab 30 Entlassungen muss eine Firma einen Sozialplan mit den Arbeitnehmenden aushandeln. So will es das Gesetz. Aber Vögele tut dies nicht. Der Sozialplan sei bereits fertig und im Intranet aufgeschaltet, lässt man die Angestellten wissen. Gegenüber work schreibt Vögele, der Sozialplan sei bereits früher angewendet worden und sei deshalb «etabliert». Doch Giuseppe Reo von der Unia Zentralschweiz stellt klar: «Jede Entlassungswelle ist ein neuer Fall und muss neu verhandelt werden.»
Ebenfalls am 4. Januar eröffnet Vögele das Konsultationsverfahren. Darin können Arbeitnehmende Vorschläge machen, zum Beispiel, wie Kündigungen vermieden werden können. Auch das steht im Gesetz. Trotz Ferien und einer kurzen Frist von 12 Tagen reichen die Angestellten ganze 46 Vorschläge ein, zum Teil sehr ausführlich. Verena Krebs (48), Designerin für Kinderkleider: «Aber schon nach einem Tag sagte uns das Management, dass die allermeisten Vorschläge nicht umsetzbar seien.»
Vögele behauptet, die Vorschläge seien «wo möglich berücksichtigt worden», nennt aber kein Beispiel, bei dem es den Angestellten entgegengekommen ist. Für Designerin Krebs, die nach neun Jahren von Vögele vor die Tür gesetzt wird, ist klar: «Das Verfahren war von Anfang an eine Farce.»



Blick in ungewisse Zukunft: Einkäuferin Corinna Fischer (l.) und Designerin Verena Krebs am Vögele-Hauptsitz in Pfäffikon SZ.

KEINE HÄRTEFALLKLAUSEL
Doch die Angestellten geben nicht auf, lassen sich von der Unia beraten. Den Sozialplan, den Vögele diktieren will, akzeptieren sie nicht. Denn er enthält zum Beispiel keine Klausel für Härtefälle. Obwohl es solche gibt. Einkäuferin Irene Eicher sagt zu work: «Ein Kollege ist 63 Jahre alt und nach einem schweren Unfall gesundheitlich angeschlagen. Der findet doch jetzt keine Stelle mehr.» Vögele müsste ihn nur noch ein Jahr beschäftigen, dann könnte er sich frühpensionieren lassen. Aber der Kleiderkonzern blockt ab. Vögele findet den Plan «fair, gut und branchenüblich».

FRIST LÄUFT AB
Die Entlassenen haben unterdessen einen besseren Sozialplan ausgearbeitet. 78 von ihnen haben diesen Vorschlag unterzeichnet. Doch auch darauf stieg Vögele nicht ein. Die Markeneinkaufsleiterin Corinna Fischer ist enttäuscht ob dieser Sturheit: «Wenn sie uns nur einen Millimeter entgegengekommen wären, wir hätten eingewilligt. Aber da kam gar nichts.»
Stattdessen drohten die Manager und versuchten, die Belegschaft zu spalten. Mitte Januar habe es an einer Infoveranstaltung heftige Kritik gehagelt, erinnert sich Andreas Schrödl (57), Leiter Logistik. «Daraufhin sagte der CEO, wenn das so weitergehe, überlege man sich, den Sozialplan zurückzuziehen.»
Die Betroffenen lassen jedoch nicht locker. Jetzt haben sie das Einigungsamt des Kantons Schwyz angerufen. Es soll zwischen der Firma und ihren Angestellten vermitteln. Anfang März schrieb das Amt Vögele einen eingeschriebenen Brief und will Antworten. Die Frist für den Konzern läuft dieser Tage ab.

work, 16.03.2017