Der Weltdiplomat, Kapitalismuskritiker, erfolgreichste Schweizer Autor und work-Kolumnist schreibt, die Menschheit stehe an einer historischen Bruchstelle. Von Oliver Fahrni (Foto: Keystone).

Die Sonne strahlte, sie trieb den Winter aus der grauen Calvinstadt. Ein eleganter Herr … So müsste ein Artikel über Jean Ziegler eigentlich beginnen. In seinen Texten sonnt’s, schneit’s, stürmt’s, und das ist mehr als eine Marotte: Er nimmt uns immer wieder mit, an unerwartete Orte, samt politischer Klimaansage und Wasserstandsmeldung.
Jean Ziegler, bald 83, kam im märzsonnigen Genf also gerade vom Skifahren. Entspannter als auch schon. Dann war die fürchterliche Woche im Menschenrechtsrat der Uno, mit der Debatte über das Aktenzeichen A/HRC/34/5: Syrien. Ziegler ist Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Rates. Nach mehr als einem halben Jahrhundert Engagement für die «Verdammten dieser Erde» ist er mit Gewalt, Hunger, Krieg und Tod hautnah bekannt. Die Welt, wie sie wirklich ist.

DER ZORN. Doch nach den Berichten über Syrien war er erschüttert. Erschüttert und zornig. Darüber, was Diktatoren, Terrormilizen und Krieg dem Menschen und damit der ganzen Menschheit antun, zornig aber auch über die Lähmung der Uno, die er in «fürchterlichem Zustand» sieht. Auf die er aber hofft und setzt und für die er in seinem neuesten Buch Wege zur Reform zeichnet. Und sei es nur, weil die Uno der einzige Ort ist, wo täglich um das Menschenrecht gerungen wird. Wir haben uns kurz an Aleppo erinnert, diese energische, so musikalisch sprechende syrische Stadt. Dann kam er ohne Umschweife auf denn kommenden Aufstand zu sprechen (siehe Interview).

DER JEAN. Das macht Ziegler aus: dass er ungebrochen daran glaubt, dass diesem immerwährenden grossen Massaker des Menschen am Menschen und dem kannibalischen Kapitalismus bald freundlichere und gerechtere Verhältnisse abzutrotzen seien. Daran glaubt? Falsch. Daran arbeitet. Spätestens seit er zu Beginn der 1960er Jahre in das gerade unabhängig gewordene Kongo ging, kurz nach der Ermordung des Staatschefs Patrice Lumumba, und seine bürgerliche Thuner Geborgenheit endgültig aus den Fugen geriet. Zwei Jahre später, zurück in Paris, hielt ihn der Philosoph Jean-Paul Sartre zum Schreiben über Afrika an, und die Philosophin Simone de Beauvoir redigierte mit rabiater Hand den ersten Ziegler-Text. Als sie die Autorenzeile Hans Ziegler las, strich sie den Vornamen durch und machte «Jean» draus: «Hans ist doch kein Name!»



Ein ziemlich lebendiges Fossil: Ziegler überrascht auch heute noch.

DER BESCHUSS. Gute Geschichte. Erzählt Ziegler solche Dinge oder die berühmte Episode mit Che Guevara, der ihm befahl, in Genf, im «Gehirn des Monsters», für eine bessere Welt zu kämpfen, verstehen das viele als revolutionsromantische Koketterie. Als Selbstbeweihräucherung eines satten westlichen Intellektuellen. Ziegler, der Soziologieprofessor, der elegante Nationalrat (bis 1999), der Gesprächspartner von Geistesgrössen und manch grossen Tieren, der UN-Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung (bis 2008), tat wenig dafür, das Bild zu entkräften.
Wozu auch? So viel Grossbürger ist noch in ihm, dass er sich um seinen Ruf wenig schert. Wenigstens öffentlich. Er hat Besseres zu tun und Wichtigeres. Allein von seinem ersten Schweiz-Buch hat er mittlerweile über eine Million Stück verkauft. In der Weltdiplomatie wird er hoch geschätzt, vielleicht auch, weil US-Amerikaner und Israel wütende Kampagnen gegen ihn führen. Aber das sind Äusserlichkeiten. Vor allem lebt Ziegler, was Sartre formulierte: Der Mensch ist das, was er tut.

DIE FRAUEN. Ziegler ist vor allem dies: ein bodenständiger Mann. Er hat wenig ausgelassen. Er schreibt ohne Unterlass (auf einer alten elektrischen Schreibmaschine, die ihm der grosse französische Denker Edgar Morin überlassen hat). Sein Reisepensum ist enorm. Er hat Tausende von Gesprächen geführt, mit Intellektuellen, Halunken, hungernden Strassenkids. Ziegler hört genau hin. Er hat sich jeder Not, jedem Konflikt persönlich gestellt.
Den Frauen sowieso: «Ich verdanke ihnen alles», sagt Ziegler. Etwa den Yoruba-Priesterinnen im Norden Brasiliens, die ihn lernten, «dass der Körper oft besser denkt als der Kopf». Oder seiner gegenwärtigen Gefährtin, einer namhaften Kunsthistorikerin. Die letzten Fragen sind ihm nicht fremd, seit er 1975 sein Buch «Die Lebenden und der Tod» geschrieben hat. Den persönlichen Tod sieht er als «Skandal». Er glaubt an die Vorsehung, eine Form von Wiedergeburt und an einen Gott – aber er hasst Kirchen. Und überhaupt: Das ist seine Privatsache.
Vor etlichen Jahren gingen wir in sternklarer Nacht über das Deck eines Schiffes, das den algerischen Revolutionär Ahmed Ben Bella aus dem Exil nach Algier brachte. Ziegler wies auf die vielen Befreiungskämpfer aus aller Welt, die Ben Bella begleiteten, und er sagte: «Wir sind alles Fossilien der Weltrevolution.»

DIE HÄME. Ein ziemlich lebendiges Fossil. Heute überrascht uns Ziegler mit einer verbindlichen Prognose: Der grosse Aufstand gegen die menschenfressende Ordnung stehe unmittelbar bevor, schreibt er. Nur Altersradikalität? Ist der zornige Wunsch, das noch zu erleben, der Vater dieses Gedankens? Dagegen spricht, mit welch ruhiger Gewissheit Ziegler diese Dinge sagt. Wie er das begründet, wirkt wie die Quintessenz ungezählter Beobachtungen und Erfahrungen. Ein Soziologe wie Ziegler würde sagen: Es ist empirisch gesättigt. Frucht einer unerbittlichen Sicht auf die Dinge, die er auch dort aushält, wo andere ein paar Schleier über die Wirklichkeit legen, um nicht irre zu werden.
Ein starkes Indiz spricht dafür, dass Ziegler unsere Zeit richtig liest: die wütende Reaktion der Reaktionäre auf sein Buch. Sie verfolgen ihn, mehr denn je, mit grimmiger Häme.

work, 16.03.2017