Der 8. März war der erste Frauen-Streich. Und der zweite folgt sogleich. Von Sabine Reber (Fotos: Jasmin Frei, Marie-Josée Kuhn, Franziska Scheidegger).

Von Schweden über die Schweiz bis in die USA: Am 8. März, dem Internationalen Frauentag, hing der Himmel voller Pussy-hats, voller pinkiger Kappen – dieses Protestsymbol gegen den «Trumpismus». Unter den Mützen finden viele Anliegen Platz: soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung der Frauen, Transmenschen oder Migrantinnen. All das unter einen Hut zu bringen ist nicht einfach, aber die neue internationale Frauenbewegung ist gerade dabei, den Versuch in die Tat umzusetzen.

EINS AUF DIE MÜTZE
Im Wahlkampf von Donald Trump war ein Meer von Rot aus Baseballcaps made in China zu sehen. Darauf antworteten die Erfinderinnen des Pussyhat mit einem Meer von Pink. Die Zürcher Journalistin Christine Loriol, die am Women’s March in Washington dabei gewesen war, sagt: «Die Pussyhats sind subversiv, kreativ und auch konspirativ. Es gibt sie nirgends zu kaufen. Die Frauen haben in Gruppen miteinander gestrickt und sich über Politik und Gesellschaft ausgetauscht. Sie haben sich gewissermassen miteinander verstrickt.»
Der Protesthut ist gut, er muss nun aber mit konkreten Inhalten gefüllt werden. Die neue Frauenbewegung muss vom Kopf auf die Füsse kommen. Mit ihrem drei Meter langen und selbstgestrickten «Meh AHV!»-Transparent hat die work-Redaktion am 8. März in Bern schon mal einen Schritt in diese Richtung gemacht. work hat die aktuelle AHV-Reform-Debatte im Bundeshaus sozusagen mit der neuen Pussypower-Bewegung verbandelt.
Über Themenmangel können wir Frauen (und Männer) uns nicht beklagen:

  • ALTERSRENTEN: Im Durchschnitt erhalten die Frauen 37 Prozent weniger Rente als die Männer! Darum muss die AHV gestärkt werden.

  • LOHN: Die Lohnungleichheit beträgt immer noch 15 Prozent. Unia-Chefin Vania Alleva: «Mit dem Lohnklau an den Frauen muss jetzt Schluss sein! Wir müssen den Druck erhöhen, damit die Lohngleichheit endlich rasch umgesetzt wird.»

  • GEWALT UND SEXISMUS: Übergriffe gegen Frauen gehören auch in der Schweiz immer noch zum Alltag. Das geht nicht.

  • CARE-ARBEIT: Noch immer übernehmen die Frauen die meiste unbezahlte Betreuungsarbeit. Und sie sind es, die vor allem in den teils miserabel bezahlten Care-Berufen arbeiten.
  • Auf Pussyhat-Format und zum Draufsticken übersetzt, heisst das: «Mehr AHV!», «Mehr Lohn!», «Pfoten weg!» und so weiter. Also, lasst euch was einfallen, beschriftet eure Pussyhats, vielleicht schon für den Frauenmarsch am 18. März?

AN DIE KRITIKERINNEN
Der Pussyhat hat viele Liebhaberinnen, aber auch seine Kritikerinnen. Jene Frauen, die Stricken unemanzipiert finden, interessiert vielleicht: Proteststricken hat Tradition. Jene Frauen, die das rosarote Meer für infantil und barbiemässig halten, können entspannen: Es ist ein Spiel mit dem «Kleinmädchen-Klischee», Ironie. Und jenen Frauen und Transmenschen, die sich darüber ärgern, dass der pinke Pussyhat ausschliesslich für die weissen Vaginas stehe – und somit eine Diskriminierung von farbigen Frauen oder Transmenschen darstelle, sei gesagt: «Pussy» bedeutet auf englisch zwar auch «Vagina» und die Pussykappen gehen auf Donald Trumps frauenfeindliche Aussage im Wahlkampf zurück, er könne jeder Frau zwischen die Beine grapschen. Doch der Pussyhat ist nur ein Symbol, keine Vagina. Oder haben Sie schon weisse Frauen mit neonfarbenen Muschis gesehen?
Deshalb bringt uns die Farbdiskussion nicht weiter. Wenn wir jetzt also schon ein Symbol haben, das Furore macht, einen Transmissionsriemen, sollten wir diesen politisch nutzen. Existenzsichernde Renten etwa und anständige Löhne brauchten nämlich alle Geschlechter und alle Menschen aller Hautfarben dringend. Also lassen wir uns nicht auseinanderdividieren!



UNIA@WORK: work-Redaktorin Sabine Reber und Unia-Präsidentin Vania Alleva.



Opulent: Mehr Pink geht nicht.



Wandelbare Halle: Sessionslismen vor dem Nationalratssaal.



Transparent: Das work-Team sorgte mit dem selbstgelismeten Transpi vor dem Bundeshaus für Furore – und eine klare Ansage!



Pink-Grün: Grünen-Chefin Regula Rytz war auch vor dem Bundeshaus aktiv.



Mann kann’s auch: Dimitry Rougy aus Interlaken.



Jung & stark: Marva, Louise und Maide (von links), Gymi-Schülerinnen in Zürich.



work, 16.03.2017