Rund 30 Baubüezer der Genfer Filiale der Walo Bertschinger AG haben die Arbeit niedergelegt, um gegen ihre Entlassung zu protestieren. Work war dabei.Von Sabine Reber (Foto: Pierre Albouy, Eric Roset)

10 Uhr morgens an der Rue Caroline im Genfer Quartier L’Acacias, ein eisiger Wind fegt durch die Quartierstrasse. Zwei Beizentische stehen vor einem Bauwagen, in einer Pfanne dampft Tee. Flyer und Protestschreiben liegen auf. An die 30 Büezer sind da, Italiener, Portugiesen, Schweizer, Franzosen, Senegalesen. Die Hälfte von ihnen sind schon über 55 Jahre alt. Sie wurden entlassen, weil die bekannte Zürcher Baufirma Walo Bertschinger, die in der Branche alle nur «Walo» nennen, ihre Genfer Filiale schliesst. Nun kämpfen die Männer für einen besseren Sozialplan. Walo bot ihnen nur einen Monatslohn Entschädigung an, obwohl viele von ihnen seit 20 oder gar 30 Jahren dabei sind.
Die Arbeiter sind aufgebracht an diesem Morgen. Walo bot einigen an, in Lausanne weiterzuarbeiten, anderen wurden höhere Entschädigungen in Aussicht gestellt. «Offensichtlich versuchen sie uns zu spalten», ärgert sich ein Dampfwalzenmaschinist, «dem einen bieten sie das an und dem anderen dies. Aber nichts da, wir halten zusammen!»



Pépé l’ancien: Er ist der älteste der Bauarbeiter. Seit dem 1. November 1979 arbeitet er bei Walo. Es geht ihm und seinen Kollegen um einen besseren Sozialplan – und vor allem auch um Respekt für die Leistungen und die Loyalität in den vergangenen Jahrzehnten.

100-Jahr-Jubiläum
Die Nerven sind angespannt, die Männer treten von einem Fuss auf den anderen, reiben sich die grossen, schwieligen Hände. Der Wind geht durch Mark und Bein. Ibrahim Konko (36), Unia-Mitglied der Verhandlungsdelegation der Walo-Arbeiter, lacht und sagt: «So schnell geben wir nicht auf, wir sind abgehärtet.» Der Senegalese arbeitet als Asphaltierer, schon seit er 17 Jahre alt ist. Er lebt mit Frau und zwei Töchtern in der Nähe der französischen Stadt Annemasse und ist Grenzgänger. In seiner Freizeit spielt er Fussball und engagiert sich in einem Quartierverein. Er ist nicht einer, der rasch den Kopf hängen lässt. Aber jetzt hat Konko genug: «Wir haben uns all die Jahre aufgeopfert, haben geschwitzt und gechrampft, damit es der Firma Walo gutgeht, und nun werfen sie uns einfach weg, als ob das alles nichts zählte.»
Derweil ruft Luis Gouveira (49): «Wo ist Monsieur Walo? Er soll endlich herkommen und mit uns reden!» Der Portugiese arbeitet seit 18 Jahren bei Walo in Genf als Magaziner. Er setzt sich auf die Holzbank, sagt mit enttäuschter Stimme: «Herr Walo hat keine Zeit für uns, er muss die Feierlichkeiten zum 100-Jahre-Firmenjubiläum vorbereiten. Und was bekommen wir als Geburtstagsgeschenk? Die Entlassung! »

Pépé, der Grossvater
«Pépé l’ancien» ist mit seinen 59 Jahren der älteste der Walo-Arbeiter. Er werde von allen um Rat angegangen, erzählt der dreifache Grossvater. «Frag Pépé l’ancien», heisse es immer, «Pépé kann dir sicher helfen!» Aber nun weiss er auch nicht mehr weiter. Er verstehe ja die Situation von Monsieur Walo, sagt er, der habe es in Genf nämlich nicht einfach: «Der Kanton ist klein, und es gibt hier zu viele Baufirmen. Die Konkurrenz ist riesig.» Aber: «Es gab eben auch schlechte Führung. Zwei Filialleiter wurden wegen Inkompetenz entlassen.» Pépé betont: «Den Fehler machten sie in den Büros und nicht wir Arbeiter auf der Baustelle. Warum sollen wir es ausbaden?» Sein Kollege Antonio, der seit 30 Jahren auf Schweizer Baustellen arbeitet, ergänzt: «In den letzten Jahren haben sie viele Extras von uns verlangt, wir haben immer wieder nachts und auch am Wochenende gearbeitet, ohne zu murren.»

Gute und schlechte Zeiten
Und Pépé erzählt von zufriedenen Kunden, die ihnen Wein und Schokolade geschenkt hätten: «Wir wurden überall beglückwünscht für unsere hervorragende Arbeit.» Mit Tränen in den Augen sagt er: «Ich bin seit dem 1. November 1979 bei Walo. Damals hiess die Firma noch Auberson. Wir Ältere waren schon vor Herrn Walo da.» Pépé sagt, es gehe hier nicht «nur» um einen besseren Sozialplan. Es gehe um Respekt und Würde. Und ausserdem sollten die sechs Arbeiter, die bereits Ende 2016 entlassen wurden, auch in den Sozialplan aufgenommen werden. Wilson Berner (41), Maurer aus Genf, ist einer von ihnen. Er sei immer noch arbeitslos, sagt er, aber er werde schon zurechtkommen. Er sei aus Solidarität mit den Älteren da: «Sie haben mich ausgebildet, sie haben mir beigebracht, wie man arbeitet und durchhält in guten und schlechten Zeiten.»





work, 12.04.2017