So knapp siegte Emmanuel Macron dann doch nicht: Fast 21 Millionen Französinnen und Franzosen stimmten für den neoliberalen Senkrechtstarter. Viele auch nur deshalb, weil sie die Neofaschistin Marine Le Pen verhindern wollten. Nicht wichtig, denn wir sind noch mal mit dem Macron davongekommen. Knapp vorbeigeschrammt an Le Pens aggressivem Europa-, Fremden-, Frauen- und Homohass. Im Pariser Elysée wird also keine braune Suppe gekocht. Vorerst, zumindest. Vielleicht kommt Le Pen in fünf Jahren wieder. Und marschiert durch. Weil Macron, «Bébé Hollande», wie Le Pen ihn verspottet, die unsoziale Law-andorder- Politik seines Vorgängers François Hollande fortsetzen und noch mehr Menschen in Arbeitslosigkeit und Verzweifl ung stossen wird. Seine erste Amtshandlung jedenfalls zielt darauf, die Gewerkschaften auszuschalten, wie work-Frankreichkorrespondent Oliver Fahrni analysiert.

TRUMP-EFFEKT. Gut, dass sich die Geschichte selten so entwickelt, wie wir befürchten. Gut, dass Geschichte unberechenbar bleibt. Nach der Wahl von Donald Trump waren wir überrumpelt, rechneten mit dem Schlimmsten. Mit dem Trump-Effekt. Mit dem Durchmarsch der harten Rechten in Österreich, Holland und Frankreich. Doch Norbert Hofer, Geert Wilders und nun auch Marine Le Pen blieben auf der Strecke. Immerhin! Den Trump-Effekt gibt es schon, aber umgekehrt, als Weckruf. Wie Schuppen fiel es plötzlich Hunderttausenden von Frauen, Latinos, Linken, Grünen und Kulturschaffenden von den Augen: Die (Menschen-) Rechte, die sie für ewig und unwiderruflich hielten, sind es nicht.

HOFFNUNG. Jederzeit kann einer (oder eine) kommen und sie wegfegen. Die Gleichstellung von Mann und Frau: weg! Das Recht auf Abtreibung: weg! Das Diskriminierungsverbot (nach Religion, Hautfarbe, Gender, Herkunft usw.): weg! Das Recht auf Asyl: weg! Die Personenfreizügigkeit: weg, weg, weg! Und plötzlich werden wieder Mauern hochgezogen, in den Köpfen, in den Ländern und darum herum. Die Mauern des Nationalismus. Nein, sagen sich die Hunderttausende, nicht mit uns! Und der Widerstand wächst: mit der Graswurzel- Bewegung von Bernie Sanders in den USA, mit der Pussy-Power-Bewegung der Frauen international und mit Jean-Luc Mélenchons «Bewegung der Freien» in Frankreich. Sie alle geben uns Hoffnung. Auch wenn Le Pen & Co. noch lange nicht geschlagen sind. Schon gar nicht in der Schweiz, wo die fremden- und frauenfeindliche SVP die grösste Partei ist im Land.

work, 11.05.2017