Die Pensionskassen kürzen heute die Renten zu stark. Das sagt der Geschäftsführer des PK-Netzes, Urban Hodel. Aber es gebe auch vernünftige Kassen. Von Ralph Hug (Fotos: Nicolas Zonvi)



Urban Hodel ist Geschäftsführer des PK-Netzes 2. Säule. Er lernte Zimmermann und studierte danach Betriebswirtschaft. Er ist seit der Lehre Unia-Mitglied. Das im Jahr 2010 gegründete PK-Netz ist die BVG-Plattform der Arbeitnehmenden.

work: Urban Hodel, die Pensionskassen senken die Renten, weil die Zinsen tief sind. Manche senken den Umwandlungssatz, der die Jahresrente bestimmt, sogar massiv. Ist das angemessen?
Urban Hodel: Ein grosser Teil ist Schwarzmalerei. Man handelt nach der Devise «Gürtel enger schnallen auf Vorrat». Gewisse Probleme sind real. Das Zinsniveau ist tief. Es braucht zweifellos Anpassungen.

In diesem Ausmass? Noch vor kurzem lag der Umwandlungssatz bei 6,5 Prozent und mehr.
Man muss sehen, dass schon kleine Zinsänderungen wegen des Zinseszinseffekts starke Auswirkungen auf die Rente haben. Rund ein Drittel der Rente wird aus den Zinsen erwirtschaftet. Im Kapitaldeckungsverfahren, das wir in der zweiten Säule haben, ist die Abhängigkeit von Zinsen sehr stark. Aber die Reaktionen auf die Tiefzinssituation sind definitiv zu heftig. Deshalb fordern wir unsere Stiftungsräte auf, dieser Panikmache nicht zu folgen.

Die Pensionskasse des Bundes-Rüstungsbetriebs Ruag oder die Zürcher Staatskasse BVK gehen voran und senken den Umwandlungssatz sogar auf unter 5 Prozent. Warum preschen gerade sie vor?
Die Ruag und die BVK waren die Eisbrecher bei der Senkungsrunde. Immer mehr Kassen tun es ihnen gleich. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb ausgerechnet diese beiden staatsnahen Betriebe diese Rolle übernehmen.

Haben sich denn die Gewerkschaftsvertreter in den Stiftungsräten nicht gewehrt?
Bei der Ruag sitzen keine Gewerkschafter im Stiftungsrat. Es ist ein Paradebeispiel, wie wichtig es ist, dass unsere Leute überall in diesen Gremien Einsitz nehmen. Im PK-Netz haben wir einen guten Überblick, was bei den Kassen läuft. Ich stelle fest, dass dort, wo keine Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter mitreden, auch die Renten stärker unter Druck geraten. Durch ihr Engagement in Stiftungsräten haben die Gewerkschaften die Möglichkeit, den Versicherten zu zeigen, dass sie glaubwürdig ihre Renten verteidigen.

Beim Warenhauskonzern Manor sitzen aber Arbeitnehmervertreter drin. Doch auch er hat massive Verschlechterungen bei der Pensionskasse angekündigt.
Richtig, Manor hat teure Massnahmen beschlossen, allesamt auf dem Buckel der Versicherten. Die Kosten werden einfach abgewälzt. Die Arbeitnehmervertreter im Stiftungsrat sind allerdings alles kadernahe Leute – Regionalleiter oder Mitglieder der Personalabteilung. Das spricht Bände.

Welche Kassen leisten denn gute Arbeit?
Complan, die Kasse der Swisscom. Sie ist in die GAV-Verhandlungen eingebettet. Dort haben wir erreicht, dass ein grosser Teil der Rentensenkungen vom Arbeitgeber übernommen wird. Die Swisscom subventioniert 0,7 Prozent der Senkung des Umwandlungssatzes. Auch bei der Post haben die Arbeitnehmervertretenden erreicht, dass 400 Millionen Franken in die Pensionskasse eingeschossen werden. Ohne Gewerkschaften wäre dies nie möglich gewesen.

Es gibt also Spielraum, auch wenn eine Kasse eine Verschlechterung als alternativlos darstellt?
Ja, das zeigt die Praxis ganz klar. Die PKBranche postuliert ja oft, man müsse «flexibel» und «dynamisch» sein. Mit solchen Worten verschleiert sie Verschlechterungen bei den Renten. Darauf darf man nicht hereinfallen.



Urban Hodel schaut den Pensionskassen genau auf die Finger.

Das wäre schon wieder Rentenklau?
Wir sind zwar nicht mehr am selben Punkt wie noch im Jahr 2010 bei der Rentenklau- Abstimmung. Damals hatten wir es mit einer Panikreaktion der Kassen nach der Finanzkrise zu tun. Darum haben die Gewerkschaften das Referendum gegen die Senkung des Mindestumwandlungssatzes ergriffen. Ein drastischer Rentenabbau wäre damals falsch gewesen. Seither hat sich die Zinssituation jedoch verschärft. Es braucht also durchaus Massnahmen.

Die Frage lautet also, wer zahlt die nötigen Anpassungen?
Ja, und da kann die Altersvorsorge 2020 als Vorbild dienen. Hier werden die Rentensenkungen in der zweiten Säule, die durch den tieferen Umwandlungssatz ausgelöst werden, für zwanzig Jahre kompensiert. Ich bin sehr froh, dass dies gelungen ist. Das ist ein grosser Erfolg für die Gewerkschaften. Bürgerliche Parlamentarier haben mir bestätigt, dass man in der Rentenreform gegen die geschlossene Front der Arbeitnehmendenorganisationen keine Chance habe.
Die Rentenverluste in der zweiten Säule werden ja auch mit einer Rentenerhöhung in der AHV kompensiert. Es wird viel zu wenig thematisiert, dass dies gerade für Leute mit geringen und mittleren Einkommen zentral ist. Vom tieferen Mindestumwandlungssatz sind vor allem Tieflöhnerinnen und Tieflöhner betroffen, in den KMU und in Branchen wie Bau, Detailhandel oder Reinigung.

Die Pensionskassen stehen auch wegen der hohen Verwaltungskosten in der Kritik. Teilen Sie diese Kritik?
Die Kassen mit ihrem Kapitaldeckungsverfahren sind systembedingt teuer. Sie kosten heute rund vier Milliarden Franken pro Jahr. Früher war es noch viel mehr. Die Transparenz hat inzwischen zugenommen, man ist auf dem Weg der Besserung. Viele Kassen sind heute schlanker als früher. Manche haben aber doch noch Potential. Diese Fortschritte sind auch eine Folge der Rentenklau-Abstimmung von 2010. Das Referendum der Gewerkschaften hat der Branche rote Linien gezeigt. Es trifft aber immer noch zu, dass mit der Vermögensverwaltung sehr viel Geld verdient wird.

Daran ist aber auch die Politik schuld. Die Versicherer müssen ihren Versicherten nur 90 Prozent der Erträge auszahlen. 10 Prozent können sie als Gewinn einstecken.
Das ist so. Die sogenannte «Legal Quote» bleibt bei 90 Prozent. Der Bundesrat wollte sie auf 92 Prozent heraufsetzen, scheiterte aber im Ständerat. Die Quote müsste eigentlich auf 95 Prozent festgesetzt werden. Das verlangen wir schon lange, aber bisher leider ohne Erfolg. Die Versicherungslobby ist stark. Wir müssen diese gesetzlich abgesegneten und systemfremden Gewinne also weiterhin bekämpfen.


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Das PK-Netz und seine Gegenspieler

work: Das PK-Netz wurde 2010 gegründet. Wo steht es heute?
Urban Hodel: Wir sind das wichtigste Netzwerk der Arbeitnehmenden in der beruflichen Vorsorge. 17 Arbeitnehmerorganisationen machen mit, mit rund 600 000 Mitgliedern. Präsident ist Ex-Kapers-Chef Urs Eicher. Wir beraten unsere Vertreter in den Stiftungsräten der Pensionskasse. Die Rentenfragen sind sehr komplex, und es braucht Fachwissen, das wir in Kursen und in Veranstaltungen vermitteln. Auch die Behandlung strittiger Fragen wie der Schweigepflicht ist wichtig.

Sie sprechen den Streit zwischen dem VPOD und der Zürcher Pensionskasse BVK an. Diese will den Arbeitnehmervertretern im Stiftungsrat verbieten, ihren Gewerkschaften Auskunft zu geben. Darf sie das?
Der Konflikt ist vor dem Hintergrund der Turbulenzen bei der BVK zu sehen. Aber ein solcher Maulkorb wäre verheerend. Denn gerade bei Sanierungsmassnahmen müssen die Versicherten und die Gewerkschaften früh einbezogen werden. Die gesetzliche Schweigepflicht soll richtigerweise die Persönlichkeitsrechte der Versicherten schützen. Aber eine extensive Auslegung der Schweigepflicht gefährdet die sozialpartnerschaftliche zweite Säule. Das müsste der Pensionskassenlobby einleuchten.

Wer genau ist eigentlich die Pensionskassenlobby?
Die Hauptlobbyisten sind immer noch die Arbeitgeber und ihre Parteien. Sie wollen die Pensionskassen ausbauen, erstaunlicherweise egal um welchen Preis. Hauptsache, es ist nicht die AHV. So profitiert ihre Klientel: Banken, Vermögensverwalter, Versicherer. Gross im Geschäft sind Lebensversicherer wie Swisslife oder Axa.

work, 11.05.2017