Für Heizungs- und Sanitärinstallateur Walter Eich ist klar: Die Energiestrategie 2050 ist eine gute Sache. Und sie lohnt sich auch. Von Sabine Reber (Fotos: Patrick Lüthy )

Walter Eich (62) wohnt mit seiner Familie in Oftringen AG im ehemaligen Haus seiner Grosseltern. Vor sieben Jahren hat er auf dem Dach eine solarbetriebene Warmwasseranlage installiert. Sie ist so gross wie mehrere Dachfenster und war genauso leicht einzubauen. «Eine super Sache!» schwärmt er, und nach einigen Jahren werde es sich auch finanziell lohnen, weil die Stromrechnung tiefer ausfalle.



«Eine Investition in die Zukunft»: Stolz zeigt Walter Eich die solarbetriebene Warmwasseranlage auf seinem Wohnhaus in Oftringen AG.

SINNVOLLE KOMBINATION
Er sagt: «Mit dieser Anlage sind wir in der Übergangszeit und im Sommer unabhängig.» Im Winter heizt Eich zusätzlich mit Holzpellets. Das sei eine sinnvolle Kombination. Er legt Wert darauf, seine Energie CO2-neutral mit einheimischen Rohstoffen zu gewinnen. «Ich will mit meinem Geld weder Putin noch die Saudis unterstützen. Importieren wir Gas und Öl, finanzieren wir doch so indirekt deren Kriege mit.»
Für die Kaltduscher-Kampagne der SVP hat Praktiker Eich nur ein müdes Lächeln übrig: «Wirklich absurd!» Niemand werde auch in Zukunft kalt duschen müssen. Der 62jährige Eich präzisiert: «Es geht darum, die erneuerbaren Energien zu fördern und Schritt für Schritt in die Zukunft zu investieren.» Ausserdem, das müsse doch jedem einleuchten, hätten wir in der Schweiz mehr als genug Sonne, Wasser und Wind, um die nötige Energie zu erzeugen.



Doppelt günstig: Seine Warmwasseranlage rechne sich nicht nur wegen der Umwelt, sondern auch finanziell, sagt Sanitärinstallateur Eich.

SOUVERÄNE ENERGIEVERSORGUNG
Und überhaupt, meint der langjährige Unia- Mann, wenn etwas an unserer Energieversorgung unsicher sei, dann seien das die AKW mit ihren vielen Ausfällen, den enormen Risiken eines Unfalls und der ungelösten Endlagerungsfrage. Die SVP rede immer von Unabhängigkeit, «aber wenn ihnen das ernst wäre, dann müssten sie sich für eine souveräne, nachhaltige Energieversorgung in der Schweiz einsetzen und nicht dagegen ankämpfen».

AUFSCHWUNG FÜR HANDWERKER
Eich ist Sanitärinstallateur bei der Müller Sanitär AG in Kölliken. Geht es ihm bei der Energiewende nicht um die Absicherung seines Arbeitsplatzes, wie die Gegner den Befürwortern aus Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft vorwerfen? «Blödsinn», sagt Eich, «unserer Firma mangelt es nicht an Aufträgen.» Aber klar, mit dem Einbau von Solaranlagen und anderen Energiesparmassnahmen könnten natürlich viele Dachdecker, die Sanitäre und andere Handwerker einen Aufschwung erleben, und dabei würde die Wirtschaft gestärkt. In erster Linie ergebe die Energiewende aber für die Konsumentinnen und Konsumenten Sinn. Erstens würden die gefährlichen AKW definitiv abgestellt. Und zweitens sei der Strom beziehungsweise das Warmwasser vom eigenen Dach langfristig günstiger.


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work entlarvt:
DIE LÜGEN DER GEGNER

Könnten wir die dreisten Behauptungen der SVP und ihrer zugewandten Orte gegen die Energiewende verstromen, wäre das Energieproblem auf einen Schlag gelöst. Von Sabine Reber

DIE KOSTEN
- Die Behauptung: Ein Vierpersonenhaushalt müsste 3200 Franken mehr Energiekosten pro Jahr bezahlen.
- Die Tatsachen: Der Bundesrat und die Experten rechnen für eine vierköpfige Familie mit Mehrkosten von 40 Franken jährlich. Die 3200 Franken der Gegner sind frei erfunden. Ausserdem sinken dank effizienteren Haushaltgeräten und besser isolierten Gebäuden die Energierechnungen tendenziell sogar.

DIE JOBS
- Die Behauptung: Weil die Kosten der Energiewende so hoch seien, würden die Menschen in der Schweiz beim Konsum sparen müssen, und darum verschwänden Arbeitsplätze.
- Die Tatsachen: Die Kosten der Energiewende sind gering, die Gefahr von gefährdeten Jobs frei erfunden. Das Gegenteil ist richtig: Der Umbau der Energiewirtschaft schafft neue Jobs in Industrie, Gewerbe, Landwirtschaft, Entwicklung und Forschung. Bereits 2012 kam eine Studie der Schweizerischen Energiestiftung zum Ergebnis, dass die Energiewende 85 000 neue Jobs schafft. Neuere Schätzungen liegen bei über 100 000. Die Fakten gibt’s hier: goo.gl/xy1njd.

DIE LEBENSQUALITÄT
- Die Behauptung: Bei einem Ja dürften wir nur noch kalt duschen, keine Bananen mehr essen und das Handy nur bei schönem Wetter aufladen.
- Die Tatsachen: Der Stromverbrauch sinkt dank besser isolierten Gebäuden und effizienteren Geräten. Das Energiegesetz sieht auch keine Zwangsmassnahmen vor. Ausserdem sind die ersten Ziele des neuen Energiegesetzes praktisch bereits erreicht, schlicht durch den technischen Fortschritt. Die ersten Vorgaben bei der Stromeffizienz zum Beispiel sind schon vor der Abstimmung erfüllt.




DER NATURSCHUTZ
- Die Behauptung: Bei einem Ja würden in der Schweiz 10 000 Windräder aufgestellt. Diese würden die Natur verschandeln und die Vögel ausrotten.
- Die Tatsachen: Völliger Unsinn! Selbst wenn man den Strom sämtlicher AKW durch Windstrom ersetzen würde – was niemand will –, brauchte es dazu bloss knapp 5200 Windturbinen jenes Modells, das heute bei Chur steht. Die toten Tiere? Pro Windanlage sterben jährlich etwa 20 Vögel. Zum Vergleich: Jede durchschnittliche Schweizer Hauskatze killt jährlich 25. Die renommierten Vogelschutzorganisationen stehen hinter der Energiewende.

DIE ZUVERLÄSSIGKEIT
- Die Behauptung: Die neuen erneuerbaren Energien seien teuer und unzuverlässig. Das führe zum Import von Dreckstrom.
- Die Tatsachen: Solar- und Windanlagen werden immer günstiger und gleichzeitig leistungsfähiger. Und deswegen auch der mit ihnen erzeugte Strom. Eine Kilowattstunde Windenergie gibt es subventionsfrei in Norwegen schon für 3,5 Rappen, der Preis für Schweizer Solarstrom wird sich bald bei rund 4 Rappen einpendeln. Kaum jemand hätte das noch vor ein paar Jahren für möglich gehalten. Das ist billiger als Atom- und anderer Dreckstrom.

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Energiestrategie: Darüber stimmen wir am 21. 5. ab


Die Abstimmung über die Energiestrategie 2050 findet am 21. Mai statt. Das neue Energiegesetz ist ein breit abgestützter Kompromiss. Der wichtigste Punkt der Strategie:

- Der Bau neuer Atomkraftwerke wird verboten. Die bestehenden AKW dürfen weiterlaufen, solange sie als sicher eingeschätzt werden. Um den Atomstrom zu ersetzen, schlägt der Bundesrat Massnahmen vor, mit denen erneuerbare Energien gefördert, der Energieverbrauch gesenkt und die Energieeffizienz gesteigert werden. Die wichtigsten darunter sind:

- Mehr Geld aus der CO2-Abgabe soll ins Gebäudeprogramm fliessen (450 Mio. Fr. anstatt wie bisher 300 Mio. Fr. jährlich).

- Die Abgasvorschriften für die Zulassung neuer Autos sollen an diejenigen in anderen europäischen Ländern angeglichen werden (95 Gramm CO2-Ausstoss statt wie bisher 130 g).

- Ausserdem sieht das neue Energiegesetz vor, dass Grosswasserkraftwerke für beschränkte Zeit subventioniert werden.

work, 11.05.2017