Erst 15 Monate im Amt – und schon hat die neue Co-Chefin der «SP Frauen» ein feministisches Manifest durchgebracht, das sich sehen lässt. Von Patricia D’incau | Foto: Jasmin Frei

work: Natascha Wey, Sie haben sich während Ihres Studiums an der Uni unter den Linken unwohl gefühlt. Warum?
Natascha Wey: An der Uni sind in der Tendenz Leute, deren Eltern auch einen höheren Bildungsgrad haben. Ich hatte das nicht. Ich hatte als erste in meiner Familie die Möglichkeit zu studieren. Es kann einschüchternd sein, wenn man mit so einem Hintergrund an die Uni kommt und auf Personen trifft, vor allem Männer, die Marx gelesen haben und all die grossen linken Denker kennen. Die eloquenter sind und mit einem völlig anderen Selbstverständnis Texte diskutieren. Nach dem Motto: Wer länger schnorret, und das möglichst kompliziert, ist der Gescheitere. Ich war dem nicht so gewachsen.

Also probierten Sie es mit den Rechten, mit der NZZ, und machten da ein Volontariat?
Ich habe meine NZZ-Zeit in guter Erinnerung. Ich wollte schreiben und musste irgendwie mein Studium finanzieren. Die NZZ war die einzige Zeitung, die damals für ein Volontariat 3000 Franken bezahlte. Ich mag es übrigens nicht, wenn man immer so tut, à la: «Was, du warst bei der NZZ? Das ist erstaunlich für eine Linke.» Was soll denn das? Gibt es vielleicht einen Prototyp der idealen linken Biographie? Muss ich einen Kurs machen, damit ich eidgenössisch diplomierte Trotzkistin bin? Das macht mich «putzverruckt». Es braucht Offenheit für verschiedene Biographien und unterschiedliche Hintergründe.



MANCHMAL WIRD SIE «PUTZVERRUCKT»: Natascha Wey, Co-Präsidentin der «SP Frauen».

Sie sind Gewerkschafterin und arbeiten beim VPOD. Welchen Einfluss hat dieser Hintergrund auf Ihre Arbeit als Co- Präsidentin der «SP Frauen»?
In der Gewerkschaft lernt man, mit vielen unterschiedlichen Leuten zu sprechen, man lernt zu organisieren, Konflikte auszuhalten und sich zu vernetzen. Das mache ich auch bei den «SP Frauen». Mein Ziel ist es, diese Bewegung wieder stärker zu machen, die Mitgliederversammlungen zu beleben. In den letzten Monaten reiste ich viel herum und traf die Frauen in den Sektionen. Dort passiert viel, es gibt sogar Neugründungen. Das ist aber nicht mein Verdienst, sondern hängt damit zusammen, dass das feministische Bewusstsein wieder erwacht.

War es denn eingeschlafen?
Eine Weile schienen viele Frauen das Gefühl zu haben, sie seien in Sachen Gleichstellung am Ziel. Und die Frauen, die durch die neue Frauenbewegung oder den Frauenstreik 1991 politisiert worden waren, zogen sich langsam aus der Politik zurück. Jetzt zeigt sich: wenn wir Frauen unsere Forderungen nicht immer wieder vorbringen, fallen sie unter den Tisch.

Auf Facebook schlugen Sie kürzlich vor, dass sich die «SP Frauen» wieder «Frauenagitationskommission » nennen sollten. Unter diesem Namen hatten Arbeiterinnen im Jahr 1917 die SP Frauen gegründet – und mit ihrer Radikalität viele Genossen in den Schatten gestellt. Wollen Sie zurück nach vorne?
Von «zurück» sprechen ist immer schwierig. Aber wir «SP Frauen» finden, dass wir die Frage nach der Arbeit, die Frauen in unserer Gesellschaft leisten, wieder in den Mittelpunkt unserer Politik stellen müssen. Also: nicht nur Gleichstellungsfeminismus wie beispielsweise Quotenforderungen für Verwaltungsräte, sondern die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen wieder stärker zu gewichten. Auch in unserem feministischen Manifest steht die ökonomische Situation der Frauen im Mittelpunkt.

Das Manifest fordert zum Beispiel eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche. Warum?
Wenn heute über Arbeitszeitverkürzung diskutiert wird, geschieht das sehr oft mit dem Argument der Digitalisierung. Zum Beispiel wird argumentiert, wenn Maschinen unsere Jobs übernähmen, würden wir weniger Arbeit haben. Ich finde diese Debatte wichtig.
Aber Frauen thematisieren eine Arbeitszeitverkürzung auch mit Blick auf die unbezahlte Arbeit. Zwar gehen heute mehr Frauen einer Erwerbstätigkeit nach als noch vor 30 Jahren, gleichzeitig schultern sie aber immer noch den grössten Teil der unbezahlten Betreuungs- und Familienarbeit, der sogenannten Care-Arbeit. Eine grosse Doppelbelastung. Und seit Jahrzehnten hat sich daran grundsätzlich nichts geändert. Deshalb ist es richtig, Forderungen wie die Arbeitszeitreduktion wieder aufs Tapet zu bringen. Denn würde die Arbeitszeit sinken, hätten die Männer keine Ausrede mehr, warum sie sich nicht stärker an der Hausund Betreuungsarbeit beteiligen könnten.

Das heisst aber noch lange nicht, dass die Männer dann tatsächlich mehr Familienund Hausarbeit übernähmen.
Klar, wenn einer den Schützenund Fussballverein sowie seine drei politischen Ämtli auch dann noch wichtiger findet, wird sich nichts ändern. Und auch nach einer Arbeitszeitverkürzung werden Frauen vieles individuell mit Männern aushandeln müssen. Das mussten Feministinnen schon immer. Und das ist anstrengend.

Frauen verdienen heute immer noch 20 Prozent weniger als Männer. Jetzt will der Bundesrat, dass sich mittlere und grosse Unternehmen künftig alle vier Jahre auf Lohngleichheit kontrollieren lassen. Das Resultat müssten sie zwar den Angestellten mitteilen, es würde aber nicht publik. Sanktionen hätten sie keine zu befürchten. Zufrieden?
Und der Storch bringt uns die Kinder … Wir brauchen verbindliche Kontrollen und Sanktionsmöglichkeiten. Wir fordern auch, dass die Lohngleichheit mit Einbezug der Gewerkschaften umgesetzt werden muss. Aber es ist immerhin ein erster Schritt in Richtung Transparenz.

Ohne Lohntransparenz keine Lohngleichheit. Aber: Wie kommen wir dazu?
Indem wir bestimmter werden. Sowohl die Gewerkschaften als auch die SP müssen die Lohngleichheit zu einem ihrer Kernthemen machen und Geld für Kampagnen in die Hand nehmen.

Braucht es einen neuen Frauenstreik?
Darauf könnten wir durchaus hinarbeiten. Das geht aber nicht so schnell. Grundsätzlich gilt: all die verschiedenen Frauengruppen, die es heute gibt, müssen wieder vermehrt zusammenarbeiten, sich vernetzen und gemeinsam Aktionen entwickeln. Das ist die grosse Herausforderung der feministischen Bewegung von heute.

Die Delegierten der SP haben Ihr feministisches Manifest einstimmig angenommen. Sie stehen offenbar hinter Ihrem kämpferischeren Kurs.
Vielleicht haben sie sich auch nicht getraut, dagegen zu sein. Im Ernst, mit diesem Manifest wollten die «SP Frauen» klarmachen, dass Gleichstellung eine Kernarbeit der Sozialdemokratie sein muss. Das haben wir erreicht.

Was erwarten Sie von der Partei?
Sie muss jetzt die Umsetzung der Forderungen prüfen. Was auf parlamentarischem Weg umgesetzt werden könnte und wo es allenfalls eine Initiative brauchte. Ich kann mich nicht erinnern, dass es – abgesehen von der Quoteninitiative – je eine Initiative im Gleichstellungsbereich gab.

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Natascha Wey
NETZWERKERIN

Seit Juli 2016 steht Natascha Wey, 35, an der Spitze der «SP Frauen». Aufgewachsen ist sie als Tochter einer alleinerziehenden Mutter im aargauischen Untersiggenthal. Sie studierte Geschichte an der Universität Zürich. Daneben arbeitete sie bei der Bauernkrankenkasse und später bei der NZZ. Heute ist sie als Zentralsekretärin bei der Gewerkschaft VPOD tätig. Der SP trat Wey 2013 bei.

MANIFEST. Zu ihrem hundertjährigen Bestehen haben die «SP Frauen» ein feministisches Manifest erarbeitet. Das Dokument ist eine Analyse der gegenwärtigen Situation der Frauen in der Schweiz. Weil Frauen zwar gleich viel oder mehr arbeiten als Männer und dennoch weniger Geld zur Verfügung haben, fordern die «SP Frauen» eine bessere Abgeltung von Betreuungs- arbeit, Lohngleichheit und die Einführung der 35- Stunden-Woche. Weiter verlangen sie etwa Massnahmen gegen sexualisierte Gewalt sowie mehr Schutz für Frauen auf der Flucht. Das Manifest wurde am Parteitag am 14. Oktober einstimmig angenommen, und damit wurden die Forderungen zu Kernthemen der SP gemacht.

work, 2.11.2017