Die rote Sonne steigt über Beirut in den Morgenhimmel. Gabriel P., französischer Polizeioffizier in Uno-Dienst, weckt mich mit lautem Klopfen. Wir fahren in den Süden. Ab Saida gilt Sicherheitsstufe fünf, die höchste im Uno-Reglement. Jetzt ist die Hitze schon fast unerträglich. Trotzdem muss ich die schusssichere Weste anziehen. Im gepanzerten Jeep ist die Luft stickig. Gabriel sitzt bewaffnet neben dem Fahrer, ich sitze hinten mit meinem Assistenten und der Dolmetscherin. Es ist Ende September 2006.

TOD IN LIBANON. Vier Stunden später Halt in der zerbombten Phönizierstadt Tyros. Der lokale Uno-Sicherheitschef sagt: «Wenn Sie aus dem Auto steigen, müssen Sie Ihre Schritte genau in die Fussstapfen von Gabriel setzen – Streubomben liegen überall.» Im Krieg gegen die Widerstandsorganisation Hizbullah hat die israelische Armee im Sommer 2006 über 6 Millionen Kanisterbomben auf Südlibanon abgefeuert. Die Metallkanister explodieren etwa zehn Meter über dem Boden und setzen Hunderte von faustgrossen Explosivkörpern frei, die auf einer Fläche von ungefähr 100 Quadratmetern alles Lebendige vernichten. Über 30 Prozent der Streubomben explodieren nicht gleich. Sie bleiben in den Bäumen hängen, liegen in Kanälen, hinter Büschen. Und zerreissen noch heute Kinder, Bauern, Frauen, die zum Markt gehen.

MIT SCHWEIZER GELD. Im Mai 2010 veröffentlichten die Hilfsorganisationen Pax Christi und Handicap International eine Liste von Grossbanken, welche die weltgrössten Hersteller von Streubomben finanzieren (Investition 2009: 43 Milliarden US-Dollar). Darunter figurieren die UBS und die Credit Suisse. In der laufenden Session der eidgenössischen Räte wird der Ständerat zwei Motionen diskutieren, denen der Nationalrat bereits zugestimmt hat. Sie stammen von Liliane Maury- Pasquier, einer Genfer Sozialistin, und vom Genfer Freisinnigen Hugues Hiltpold. Die beiden wollen eine Revision des Kriegsmaterialgesetzes: Auch die Finanzierung der Herstellung und des Vertriebs völkerrechtlich verbotener Waffen soll untersagt werden. Die Streubomben sind nach Völkerrecht eine «unmenschliche Waffe». Jahrelang haben kluge Politikerinnen und Politiker an ihrem Verbot gearbeitet. Darunter waren der damalige Bundesrat Adolf Ogi und der österreichische Uno-Botschafter Wolfgang Petritsch. Zustande kam schliesslich die Konvention von Oslo. Ihre Unterzeichnerstaaten verpflichten sich zum Verzicht auf alle Splittergeschosse. Bundesrätin Micheline Calmy-Rey hat die bundesrätliche Zustimmung zur Konvention erreicht. Wenn die beiden Motionen angenommen werden, kann das Kriegsmaterialgesetz revidiert werden. Die USA, Israel, China und Nordkorea bekämpfen die Osloer Konvention weiterhin. Mit jeder Ratifikation steigt jedoch der Druck des Weltgewissens, diese schrecklichen Todesinstrumente zu verbieten.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein jüngstes Buch, «Der Hass auf den Westen», erschien auf deutsch im Herbst 2009.

work, 3.06.2010