Freitagabend, 25. Juni 2010. Das kleine Winzerdorf Russin GE, hoch über der Rhone, wo ich wohne, besitzt eine einzige, aber exzellente Beiz: «Le Vignoble doré», den goldenen Weinberg. Lydia und Luis Ferreira, die beiden sympathischen Besitzer, haben im Garten eine Riesenleinwand aufgestellt. Fast das ganze Dorf verfolgt dort das schlappe Spiel der Schweizer Fussballer gegen Honduras. Kurz nach zehn steht die helvetische Eliminierung fest. Gestandene Weinbauern haben Tränen in den Augen, Halbwüchsige lamentieren lärmig: «Wir haben verloren!» «Wir sind raus!»

WAS HEISST «WIR»? Diese Fussballhysterie ertrage ich kaum mehr. Die blödsinnige Kollektividentifikation mit elf zum Teil guten Athleten in rotweissen Trikots ist mir zuwider. Mein Freund Jean-Luc Mélenchon, Chef von La Gauche, der Linkspartei in Frankreich, schreibt: «Ich kann dieses Spektakel, bei dem Millionen von Sozialhilfeempfängern ein paar kickenden Millionären zujubeln, nicht mehr ertragen.» Und mit den Werbeeinnahmen in Milliardenhöhe, die die Fifa in den Wochen der Weltmeisterschaft kassiert, könnte mühelos der Hunger in Afrika beseitigt werden. Millionen Kinder wären gerettet.
Nur eine Bevölkerungsgruppe der südlichen Hemisphäre kann sich freuen: die Näherinnen und Näher von Sialkot, einer russverdreckten Industriestadt im Nordosten Pakistans. Sialkot ist die Welthauptstadt der Fussballfabrikation. 60 Millionen Bälle werden auf der Welt pro Jahr zusammengenäht. Fast 80 Prozent davon in Sialkot.
Ich habe die Stadt besucht: Über 50000 Näherinnen und Näher chrampfen dort in rund 1000 meist dunklen Werkstätten. Sie machen den ganzen Tag dieselben paar Handgriffe: zwei Nadeln gegenläufig durch die Löcher schieben, die Fäden um die Mittelfinger wickeln, mit einem kräftigen Ruck die Naht strammziehen. Pro Ball müssen 32 Sechsecke zusammengenäht werden. Das entspricht 750 Stichen.

WER BEZAHLT? Ich habe übertrieben: «Freuen» können sich die Näherinnen und Näher eigentlich nicht. Ist Welt- oder Europameisterschaft, steigt der weltweite Verkauf an Fussbällen von 60 auf 70 Millionen. Es gibt dann zwar mehr Arbeit, aber die Elendslöhne bleiben. Eine Näherin verdient pro Ball 40 Rupien, das entspricht etwa 42 Rappen. Pro Tag kann sie vier Bälle anfertigen. Ihr Tageseinkommen: 160 Rupien. Eine Pizza in Sialkot kostet 420 Rupien. Der Fabrikbesitzer verkauft den Ball an Adidas oder andere Sportartikelkonzerne für 14 bis 15 Franken. In Zürich, Genf oder Bern kostet er in den Läden 40 bis 200 Franken.
Tuberkulose und Unterernährung verwüsten die Familien der Näherinnen und Näher von Sialkot. Das kümmert die Fifa wenig. Jemand muss ja für die horrenden Werbekosten der Sportkonzerne aufkommen, die Millionengagen der Kicker und Funktionäre bezahlen. Wer bezahlt? Die ausgebeuteten, unterernährten Arbeiterinnen und Arbeiter von Sialkot.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein jüngstes Buch, «Der Hass auf den Westen», erschien auf deutsch im Herbst 2009.

work, 1.07.2010