Es war ein kalter Dezemberabend des Jahres 2011 in der Altstadt von Lyon (F). Der Bürgermeister der Stadt, der kluge, quicklebendige und fröhliche Arzt und Sozialist Gérard Collomb, hatte einige europäische linke Intellektuelle in das exzellente Traditionsrestaurant Chez Léon eingeladen. Der Zweck des Abendessens: eine Diskussion, im Politjargon «Brainstorming» genannt, mit François Hollande, dem eben gekürten Präsidentschaftskandidaten der Sozialistischen Partei. Umberto Eco, der Bestsellerautor (u. a. «Der Name der Rose») und Semiotikprofessor, war da, sarkastisch, immens gebildet, gutgelaunt, auch José Bové, der Chef der Grünen- Fraktion im Europäischen Parlament, dazu Maler, Schriftsteller, Professoren.

HÖFLICHER BÜROKRAT. Die Atmosphäre war angenehm, die Weine waren hervorragend. Während kurzer Zeit hörte Hollande Eco und seinem Plan für die Wiederauferstehung der Aufklärung in Europa höflich zu. Dann versuchten Bové und ich, ihn von der Notwendigkeit zu überzeugen, in seine Wahlplattform den Kampf gegen den weltweiten Hunger als ein vorrangiges Ziel aufzunehmen. Alles umsonst! Der sympathische, untersetzte, dickliche Hollande zeigte sich als Parteibürokrat ohne Visionen. Gegen Mitternacht gingen wir ziemlich zerknirscht in unsere Hotels zurück. Im Mai 2012 wurde Hollande gewählt. Und machte eine neoliberale, arbeiterfeindliche Politik, die ihm sein Wirtschaftsminister, der Rothschild-Banker Emmanuel Macron, entworfen hatte. Sie ruinierte die Glaubwürdigkeit seiner Regierung und der sozialistischen Idee für die nächsten zwei bis drei Generationen. Der Verrat Hollandes führte zu drei Millionen Arbeitslosen und seinem erzwungenen Verzicht auf eine erneute Kandidatur. Das ist einmalig in der Geschichte der fünften französischen Republik.

DIE DÜSTERE LAGE. Im kommenden Mai finden wieder Präsidentschaftswahlen statt. Einen Monat später wird das Parlament gewählt. Die Lage ist düster. Nach allen Umfragen macht der fremden- und europafeindliche Front national die höchste Stimmenzahl im ersten Wahlgang. Und wer liegt an zweiter Stelle und kommt damit in die Ausmarchung des zweiten Wahlgangs? Der Rothschild- Banker Emmanuel Macron. Der blasse Benoît Hamon, Kandidat der Sozialisten, und der grossartige unabhängige Marxist Jean-Luc Mélenchon liegen weit zurück. Da ist auch noch der Kandidat der vereinten Rechten, François Fillon. Er steht unter Verdacht, öffentliche Gelder veruntreut zu haben. Die Justiz ermittelt.

Das beunruhigende Schauspiel der Nation des Jakobiners Maximilien de Robespierre und des Sozialisten Jean Jaurès soll uns jedoch nicht verzweifeln lassen. Frankreich ist die Wiege der Revolution von 1789 und der Kommune von 1871. Das Volk ist in Bewegung. Die Demonstrationen mehren sich rasant. Bis zum Mai könnte noch ein Wunder geschehen. Und Mélenchon wird Präsident.


Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Sein neuestes Buch, «Ändere die Welt!», ist im März 2015 auf deutsch erschienen.

work, 2.03.2017