Auch Roboterautos brauchen Reifen. Doch das Angebot an Kautschuk ist begrenzt. Eine deutsche Forscherin hat die Lösung.

Das Auto wird zu einem Rechner auf vier Rädern. Eher früher denn später werden die Autos autonom durch die Gegend summen. Summen? Ja, weil sich in und mit den autonom fahrenden Autos auch die elektrischen Antriebe durchsetzen werden.
Noch schlagen wir uns mit den Spätfolgen des fossilen Fordismus herum. Ein Beispiel, wie der real existierende Kapitalismus funktioniert, liefert Audi: Die VW-Tochter baut seit einigen Jahren in ihre Luxuskarossen auch Dieselmotoren ein. Damit diese halbwegs sauber laufen, braucht es Ad Blue. Ad Blue ist Harnstoff oder volkssprachlich Pipi.
Doch sollten die noblen Damen und Herren beim Tanken der Oberklasse-Audis neben Diesel nicht auch noch Pipi tanken müssen. Also stellte die Software die Zufuhr von Ad Blue einfach ab. Damit erst beim nächsten Service Pipi nachgetankt werden muss. Um dem Image nicht zu schaden, nimmt man den Feinstaub-Tod von Kindern in Kauf. In Bodennähe sind die Schadstoffkonzentrationen nämlich weit grösser als ein Stockwerk höher, in der Welt der Erwachsenen-Näschen.



Gummi ohne Baum: Claudia Recker hat aus dem Saft der «Söiblueme» einen Pneu entwickelt. Continental will die Pflanze künftig in der Region von Anklam (links Bürgermeister Galander) anbauen. Foto: Christian Rödel

INTELLIGENTE AUTOS. Autozulieferer werden immer wichtiger. Jetzt kauft der US-Halbleiterhersteller Intel das israelische Start-up-Unternehmen Mobileye für mehr als 15 Milliarden Dollar. Obwohl das Unternehmen nur 300 Millionen Franken Umsatz im Jahr macht. Aber offenbar weltweit über die beste Kameratechnologie verfügt. Das Ziel von Intel: Möglichst viele autonom gesteuerte Autos sollen weltweit mit Intel-Chips und Intel-Augen unterwegs sein. Und so neunzig Prozent der Verkehrsunfälle vermeiden. Und die Kassen der Aktionäre klingeln lassen.

BETTSEICHER. Auch der Autozulieferer und Reifenhersteller Continental will das Zeitalter der Roboterautos nicht verschlafen. Gleichzeitig steht er vor folgendem Problem: Die Zahl der Gummibäume auf der Welt ist begrenzt. Die Nachfrage nach Kautschuk steigt aber – und mit dieser Nachfrage die Preise. Dies, weil immer mehr Menschen Autos haben oder Autos fahren.
Claudia Recker hat Chemie und Umweltwissenschaften studiert. Die 52jährige Forscherin arbeitet bei Continental und hat mit dem Saft des russischen Löwenzahns einen umweltfreundlichen Reifen entwickelt. Für das deutsche «Handelsblatt» gehört sie zu den hundert hellsten deutschen Köpfen.
Russischer Löwenzahn lässt sich leichter anbauen als Gummibäume. Er ist auf ein weniger gutes Klima angewiesen. Und wenn man ihn genetisch etwas tunt, lieferter rübengrosse Knollen. Recker hat herausgefunden: Chemisch ist der Saft des Löwenzahn absolut baugleich mit dem Saft des Gummibaumes. Die ersten Löwenzahnreifen haben alle Tests bestanden. 2020 will Continental den ersten auf den Markt bringen.

P. S.: Die Bernerinnen und Berner sagen dem Löwenzahn «Söiblueme». Die Alemannen im deutschen Offenburg und Umgebung «Bettseicher». Zuneigung geht anders. Continental nennt sein Projekt «Taraxagum» (von lateinisch Taraxacum für Löwenzahn). Tönt schon mehr nach Gummi als nach Bettseicher.

Hans Baumann ist Ökonom und Publizist.

Links zum Thema:

goo.gl/ghCtG6
Wer mehr über die Sprache der deutschen Alemannen wissen will, erhält hier digitalen Nachhilfeunterricht.

goo.gl/aB19D6
Für Continental ist Claudia Recker die Frau Löwenzahn. Die Forscherin will dank «Flower Power» die Reifen umweltfreundlicher machen. Selbst die Kultur der untergegangenen Hippies ist vor den Werbetextern nicht sicher.

goo.gl/DXT31P
Autos faszinieren. Die Nachrichten-Website «Heise» erklärt das Konzept des VW Sedric. Und 402 Menschen (Stand 24. März 2017) kommentieren das heisse Ding. Unter anderem als «schwangeren Toaster beim Kacken». Na also!

goo.gl/q9m46E
Hundert Ermittler haben wegen Dieselgate die Büros von Audi durchsucht. Früher oder später werden sie von der Politik zurückgepfiffen. Weil Deutschland ein Autoland war, ist und bleibt.

www.guido-walter.com
Der Journalist Guido Walter schreibt immer mal wieder etwas über den fossilen Fordismus.

work, 30.03.2017