Siemens will in Deutschland Gasturbinenfabriken schliessen. Zum Beispiel in Görlitz. Stattdessen soll Deutschland neue Gaskraftwerke bauen.

Ab und zu lohnt es sich, über den Schweizer Tellerrand hinauszuschauen. Deutschland hat beim ökologischen Umbau zwei Sachen gut gemacht: Es steigt bis 2022 aus der Atomenergie aus. Und es produziert bereits 30 Prozent seines Stroms mit Wind, Sonne und Biomasse.
Umgekehrt sinkt der CO2-Ausstoss nicht. Das hat zwei Gründe: Wärmepumpen setzten sich nicht durch, weil sie Strom brauchen und die deutschen Strompreise zu hoch sind. Und Deutschland verbrennt immer noch zu viel Braunkohle. Auch weil es fast keine neuen Gaskraftwerke erstellt.
Der Markt für neue Gasturbinenkraftwerke ist auf der ganzen Welt eingebrochen. Siemens will in Deutschland Fabriken schliessen. Zum Beispiel in Görlitz. Die Gewerkschaft IG-Metall kündigt Widerstand an. Im Aargau kommt es bei General Electric absehbar zu Entlassungen.



MANGELS NACHFRAGE: In der schönsten Stadt Deutschlands, in Görlitz, will Siemens ein Gasturbinenwerk schliessen. Foto: DPA

BRAUNKOHLE. Görlitz ist die schönste Stadt Deutschlands. Sie liegt an der Lausitzer Neisse, direkt an der Grenze zu Polen. Die Görlitzer Kaufleute haben im Dreissigjährigen Krieg (1618–1648) lieber 14 Mal die Religion gewechselt, als ihre Stadt zerstören zu lassen. Als dann die Russen im Zweiten Weltkrieg auf dem Weg nach Berlin auf Görlitz zurollten, leistete die Bevölkerung keinen Widerstand, sondern hängte weisse Leintücher als Zeichen der friedlichen Kapitulation aus den Fenstern.
In der Nähe von Görlitz wird Braunkohle abgebaut. Wenn Deutschland aus der Braunkohle aussteigen würde, stiege die Arbeitslosigkeit in der Region weiter an. Und mit ihr noch einmal die Anzahl der Braunen von der Alternative für Deutschland (AfD), die bei den letzten Wahlen stärkste Partei wurden. Wie anderswo in Sachsen auch.

GASSPEICHER. Der Erfolg der AfD ist auch deshalb so gross, weil es in Deutschland keine wirksame Regionalpolitik gibt, die gezielt jenen Landstrichen hilft, die wie Görlitz wegen des Strukturwandels ausbluten. Die weitgehend sanierte und aufwendig restaurierte Stadt leidet deshalb weiter unter Abwanderung Richtung Westen, aber auch Richtung Dresden, Leipzig und Berlin. Kampf gegen rechts wäre Kampf gegen Arbeitslosigkeit.
Neue deutsche Gaskraftwerke wären von doppeltem Nutzen: für die Umwelt, für die Arbeitsplätze im Turbinenbau. Auch in der Schweiz bekommen viele Freunde der Umwelt Bibeli, wenn der Bau von zentralen oder dezentralen Gaskraftwerken zur Diskussion steht. Dabei haben Gaskraftwerke zwei Vorteile:
1.: Weniger Emissionen. Wenn moderne Gaskraftwerke bisherige Braunkohlekraftwerke ersetzen, sinkt der CO2-Ausstoss pro produzierte Kilowattstunde Strom auf einen Viertel.
2.: Überbrückungsenergie. Es gibt europäisch grosse unterirdische Gasspeicher, vorab in Deutschland. Sollte in Zukunft in Deutschland und Umgebung für einmal die Sonne nicht scheinen und der Wind nicht pfeifen, könnten diese Speicher die Versorgung sicherstellen.

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Der deutsche Energieexperte Stephan Koller beschäftigt sich seit bald 40 Jahren mit dem ökologischen Umbau. Er hat den langen Marsch durch die Institutionen angetreten. Im «Handelsblatt» plädiert er für möglichst effiziente Investitionen in den ökologischen Umbau. Dazu gehören auch Gaskraftwerke.

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Die Schweiz braucht im Gegensatz zu Deutschland keine Gaskraftwerke. Schlicht und einfach, weil wir gegen Dunkelflauten Speicherseen mit hohen Kapazitäten haben. Aber wir müssen zumindest auch europäisch mitdenken.

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