Vor den Sommerferien erschreckte uns die Nationalbank: Sie warnte vor einer Immobilienblase in der Schweiz. Wir erinnern uns: Die Immobilienblase in den USA war der Auslöser für die Finanzkrise. Die Nationalbank kommt zu ihrer Warnung, weil die Hypothekarzinsen rekordtief sind. Dies ermögliche vielen, Wohneigentum zu kaufen. Zudem hätten viele Banken ihre Kreditbedingungen zu stark gelockert. Dadurch werde der Baumarkt aufgeblasen, und die Preise der Liegenschaften würden in die Höhe getrieben. Sollten die Zinsen dann aber steigen, müssten viele ihr Wohneigentum verkaufen, da sie es nicht mehr bezahlen könnten. Folge: Die Blase platzt. Die Preise sinken. Das Baugewerbe erhält keine Aufträge mehr. Der kriselnde Immobiliensektor zieht die ganze Wirtschaft in eine Rezession.

AUF HOHEM NIVEAU. Das ist in der Schweiz 1975 und 1990 tatsächlich passiert. Heute sprechen die Zahlen aber eine andere Sprache: Die Bauwirtschaft hat die vergangene Krise gut überstanden. Sie befindet sich auf hohem Niveau, aber nicht in einem Boom. Die Zahl der im Bau befindlichen Wohnungen hat sich in den letzten Jahren eingependelt. Es sind immer um 60000. Letztes Jahr waren es zwar 64 000. Doch Baubewilligungen wurden etwa 13 000 erteilt. Das sind gleich viele wie in den Vorjahren: In nächster Zukunft ist also kaum mit einem starken Anstieg im Wohnungsbau zu rechnen.

GESTIEGENE MIETEN. Das Gleiche gilt für die Preise: Die Baupreise, also etwa die Architektenhonorare oder die Malertarife, stagnieren seit letztem Jahr. Zuvor, in den Boomjahren bis 2008, sind sie deutlich gestiegen. Sorgen machen einzig die Mieten, die letztes Jahr stark gestiegen sind. Aber nicht als Folge einer sich abzeichnenden Immobilienblase, sondern wegen der hohen Nachfrage in den grossen Agglomerationen. Einzig im Hochpreissegment, etwa bei den Luxuswohnungen an der Zürcher Goldküste, gab es eine spekulative Überproduktion. Die Preise sind dort bereits am Sinken.
Auch wenn sich bis jetzt keine Immobilienblase abzeichnet: die Nationalbank muss die Situation gut beobachten. Und die Politik muss einschreiten, wenn die Banken wie früher beginnen, Bauwilligen bedingungslos Geld zu geben, ohne ihre Kreditwürdigkeit zu überprüfen.


Hans Baumann ist Ökonom und Publizist.

work, 9.09.2010