Auch eine gelernte Detailhandelsfachfrau kann Psychologie studieren. Der erste Schritt dazu ist die Berufsmaturität. Von Sina Bühler

In der Sekundarschule war sie nicht die beste Schülerin, die Versetzung ins nächste Schuljahr schaffte Karin Keller jeweils nur knapp. Doch als sie mit 15 Jahren ihren Vertrag für eine Lehrstelle im Detailhandel im Sack hatte, war auch ihr Ehrgeiz geweckt. Sie wolle Karriere machen, erzählte sie allen. Und auch, dass sie irgendwann an einer Universität studieren werde. Ihre Lehrerinnen und Lehrer zweifelten und die Eltern auch. Die Schulkolleginnen lachten sie sogar aus. Doch Karin Keller machte ihre Ankündigung wahr: Heute studiert sie Englisch und Psychologie an der Universität Zürich.
Den ersten Karriereentscheid fällte sie sofort nach der Sekundarschule: Sie entschloss sich, die Lehre im Detailhandel mit der Berufsmaturität abzuschliessen. Dieser eidgenössische Ausweis öffnete ihr die Tür zu einer Fachhochschule. Und mit dem Bachelor in der Tasche wurde sie zum Studium an der Universität zugelassen.
Möchten auch Sie nach der ersten Grundbildung weiterlernen? Den Bachelor oder sogar den Master machen? work zeigt Ihnen, wie Sie von der Lehre an die Hochschule kommen. Der Weg führt dabei fast immer über die Berufsmaturität.

DIE RICHTUNG
Bei der Matura können Sie eine inhaltliche Richtung wählen. In der Regel gibt der gewählte Beruf vor, welche Berufsmaturität Sie machen können. Es gibt zwei verschiedene Varianten zur Berufmatura jeder Ausrichtung. Genannt werden sie «BM 1» und «BM 2».

WÄHREND DER LEHRE (BM 1)
Wenn Sie während der ganzen Lehrzeit zusätzliche oder anspruchsvollere Schulstunden besuchen, bekommen Sie beim Lehrabschluss nicht nur den Fachausweis, sondern auch das Maturazeugnis. Wenn Sie diesen Weg wählen, starten Sie sofort nach der obligatorischen Schule mit Ihrer Weiterbildung. Achtung: Es gibt vierjährige Lehren bei denen Sie auch noch im zweiten Jahr in den Berufsmaturaunterricht einsteigen können. Genaueres erfahren Sie auf www.berufsberatung.ch .
Zum Unterricht zugelassen werden gute Schülerinnen und Schüler, meist wird das über eine Aufnahmeprüfung getestet. Die Bedingungen sind aber in jedem Kanton anders, genaue Informationen gibt’s beim kantonalen Berufsbildungsamt. Alle Adressen finden Sie hier: goo.gl/RT1KpU.

NACH DER LEHRE (BM 2)
Wenn Sie bei Lehrbeginn noch nicht so weit sind oder sich Sorgen machen wegen der zusätzlichen Arbeit, können Sie die Matura auch erst später machen. Um die Variante «BM 2» kümmern Sie sich erst nach dem Lehrabschluss, und zwar unabhängig davon, wie lange dieser her ist. Diese Maturitätslehrgänge dauern entweder ein Jahr im Vollzeitstudium oder zwischen eineinhalb und zweieinhalb Jahre, wenn Sie diese berufsbegleitend besuchen. Hier finden Sie den Lehrgang, der zu Ihrer Branche und Ihrem Wohnort passt: goo.gl/X6rIAP.
Je nach Berufsmaturität gibt es später Einschränkungen bei der Wahl der Studienrichtung. Falls Sie beispielsweise eine KV-Lehre gemacht haben, können Sie zwar problemlos an eine Wirtschaftshochschule. Für einen Bachelor im Gesundheitswesen sind Sie aber nicht direkt zugelassen. Diese Einschränkungen sind jedoch nicht unüberwindbar: Mit Praktika, Zusatzlektionen oder Aufnahmeprüfungen steht Ihnen mit der Berufsmatur praktisch jeder Weg offen. Was für Sie gilt, können Sie auf der Website der entsprechenden Hochschule nachlesen.

PASSERELLE
Eine Berufsmatura ermöglicht Ihnen das Studium an der Fachhochschule und an bestimmten Hochschulen. Doch auch ein Studium an einer Universität oder der ETH ist möglich. Es fehlt nur noch ein Schritt, nämlich die sogenannte Passerelle.
Diese Ergänzungsprüfung für die Zulassung an ETH und Universität wird zweimal im Jahr vom Staatssekretariat für Bildung und Forschung organisiert. Wie Sie sich darauf vorbereiten wollen, ist Ihnen selber überlassen. Es gibt Vorbereitungskurse, die in der Regel zwei Semester dauern und zwischen 2000 und 20 000 Franken kosten. Angebote und Adressen finden Sie hier: goo.gl/tVVQHK . Die Kurse sind aber nicht zwingend nötig. Sie können sich auch im Selbststudium vorbereiten und individuell anmelden. Um zur Prüfung zugelassen zu werden, müssen Sie bereits die Berufsmaturität gemacht haben. Mit einer Ausnahme: Es gibt Fachhochschulen, die auch Studierende ohne Vorbildungsausweis aufnehmen, sofern diese eine gute Vorbildung und Arbeitserfahrung haben und hohe Motivation zeigen. Dazu müssen die Bewerberinnen und Bewerber ein Dossier erstellen und eine Aufnahmeprüfung bestehen. Ob Sie ohne Matur zum Studium Ihrer Wahl zugelassen werden, erfahren Sie direkt bei der entsprechenden Hochschule: goo.gl/deQebr.



work, 30.03.2017