Sehenswerter Film
Eine Liebeserklärung, die wehtut: So hart ist die Arbeit in der Pflege

Eine Schicht in der ­Pflege, verdichtet auf Filmlänge. Klingt banal – doch der neue Spielfilm «Heldin» packt das Publikum sofort und lässt es nicht mehr los. Weil er der Realität so beängstigend nahe kommt.

DER GANZ NORMALE WAHNSINN: Das Publikum begleitet Pflegefachfrau Floria Lind durch ihre Schicht im Spital. (Foto: PD)

Den Satz sagt Floria Lind im Film mehrmals. «Es tut mir so leid, wir sind heute nur zu zweit.» Je länger ihre Schicht dauert, desto klarer wird: Die Zeit reicht nicht aus, um den Menschen auf ihrer Station, einige davon todkrank, das zu geben, was sie brauchen. Obwohl die Pflegefachfrau hochprofessionell arbeitet und jede Sekunde vollen Einsatz gibt.

Der neue Spielfilm «Heldin» von Petra Volpe («Die göttliche Ordnung») zeichnet ein realistisches und gerade deshalb beklemmendes Bild des Pflegeberufs. Schon bevor sie ihre Schicht beginnt, wirkt Floria Lind gehetzt. Schnellen Schrittes betritt sie das Spital, zackig zieht sie sich um, im Telegrammstil wechselt sie ein paar Worte mit ihrer Kollegin. Der Zuschauer fragt sich: Warum hastet sie so?

Sie hastet und vertröstet

Schon nach wenigen Minuten wird klar: Das ist das normale Tempo im Spital. Alle, so scheint es, sind im Verzug. Überall fehlt es an Personal, an Platz, an Unterstützung. Einer ihrer Patienten liegt im Sterben. Seine Tochter weicht nicht von seiner Seite. Floria stellt fest, dass er Schmerzen hat, und möchte ein Medikament ­holen. Da klingelt ihr Telefon: Ein anderer Patient könne jetzt ins CT, erfährt sie. Sie müsse ihn aber sofort bringen, nachher sei das Gerät wieder belegt. Floria weiss, dass der Mann schon lange auf das CT wartet, und vertröstet deshalb die Tochter des Sterbenden.

So geht das die ganze Zeit. Floria rennt, ist permanent am Multitasken, wird ständig unterbrochen. So dass sie es nicht einmal schafft, die letzte Patientin auf ihrer Runde zu sehen.

Endlich, nach 50 Minuten Film, eine ganz kurze Verschnaufpause. Floria findet Zeit, ihre Tochter anzurufen, die beim Vater lebt, und dem Kind eine gute Nacht zu wünschen. Und schon geht’s weiter.

Grandios gespielt wird Floria von der deutschen Schauspielerin Leonie Benesch. Anfänglich sitzt jeder Handgriff, Floria entscheidet kompetent und entschärft routiniert heikle Situationen. Doch je länger die Schicht dauert, desto mehr sehen wir Floria die Anstrengung an, die es sie kostet, professionell zu bleiben. Auch als der arrogante Privatpatient sie anbrüllt, er wolle seinen Tee «nicht gleich, sondern sofort!»

«Heldin» ist keine Doku. Die Handlung folgt einem Drehbuch (ebenfalls von Petra Volpe), das Spannung erzeugt. Doch die Spannung entsteht nicht aus einem Plot mit überraschenden Wendungen. Sondern aus dem Umstand, dass auf der Station zwei- oder dreimal so viele Pflegende nötig wären. Da Floria nicht überall gleichzeitig sein kann, wächst ihr die Situation zusehends über den Kopf, obwohl sie ihr Bestes gibt.

Plädoyer für Anerkennung

Petra Volpe bezeichnet den Film als Liebeserklärung an die Pflegenden. Betont aber auch die gesellschaftliche und politische Dimension des Stoffes: Pflegende müssten in immer kürzerer Zeit immer mehr leisten. Statt ständigem Abbau fordert sie für den Beruf die höchste Anerkennung:

Pflegende kümmern sich um uns, wenn wir krank und alt sind, wenn wir am verletzlichsten sind. Ihr Kampf für bessere Arbeitsbedingungen sollte unser aller Kampf sein.

«Heldin» packt das Publikum und nimmt es mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt. Nach 93 Minuten steigt man aus dem Kinosessel und fühlt sich, als hätte man eine grosse und eindrückliche Lebensgeschichte gesehen. Dabei war es «nur» eine Spätschicht im Kantonsspital.

Heldin läuft seit Ende Februar in den Schweizer Kinos.

Macht Mut: Care-Vision der Unia

«Wir sind im Jahr 2035. Die Schweiz hat die beste Langzeitversorgung der Welt.» Diese Vision, in 35 Punkten beschrieben, bildet das Herzstück des neuen Care-Manifests der Unia. Das Dokument will eine gesellschaftliche Diskussion anstossen über die Frage: Welche Pflege und Betreuung wollen wir im Alter? Das Manifest macht klar: Damit die Vision Wirklichkeit wird, müssen Menschen in sozialmedizinischen Berufen gemeinsam Verbesserungen einfordern. Auch und vor allem in der Politik – dort werden die Rahmenbedingungen ausgehandelt. In den nächsten Monaten will die Unia das Manifest umfassend in den Alters- und Pflegeheimen verbreiten. (che)

Das Manifest gibt es hier online.

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