Billigkette Action kommt in die Schweiz
Schnäppchen für die Kundschaft, Stress für die Mitarbeitenden

Nicht schön, aber billig: Die Ladenkette Action expandiert in die Schweiz. Eine französische TV-Reportage zeigt: Verkäuferinnen und Verkäufer sind oft am Limit.

ACTION EXPANDIERT IN DIE SCHWEIZ: Der Discounter hat sich in anderen Ländern keinen guten Ruf als Arbeitgeber aufgebaut. (Foto: pd)

Der Verkäufer Thomas muss pressieren. In einer Filiale des Discounters Action soll er die Regale auffüllen. In spätestens 45 Minuten muss er alle Artikel von seinem Wagen einräumen, so hat es das System berechnet. Thomas dokumentiert seine Arbeit mit versteckter Kamera. Denn in Wahrheit ist er Journalist des französischen TV-Senders France 2. Undercover recherchiert er die Arbeitsbedingungen in einer französischen Filiale der Billigkette.

Noch vor Ablauf der Zeit reklamiert der Chef, da sei ja noch viel Ware auf dem Wagen. Als Thomas sich wehrt, er habe nicht getrödelt, sondern in normalem Tempo gearbeitet, sagt der Chef:

Nein, du musst dich mehr beeilen. 

Am 5. April geht’s los

Jetzt will Action auch in die Schweiz expandieren. Bereits am 5. April eröffnet die Kette ihre erste Filiale in Bachenbülach ZH, am 24. die zweite in Martigny VS. Mit Stelleninseraten sucht die Kette, bekannt für schnelles Wachstum, Mitarbeitende in Basel, Winterthur, Olten, Delémont und Matran FR.

In den Läden setzt Action konsequent auf billig und, abgesehen von ein paar Snacks, auf Non-Food-Artikel. Da gibt es:

  • Farbstifte, zwölf Stück für 59 Rappen
  • Abflussreiniger für 1 Franken 96
  • Oder eine Heckenschere für 21 Franken 95

Schon vor der Eröffnung sind die Preise auf der Website in Franken angegeben. Die Läden seien «schmucklos», stellte die «Handelszeitung» bei einem Augenschein in Weil am Rhein (D) fest, und:

Im Laden muss man sich im Slalom bewegen, weil überall zwischen den Regalen Rollwagen mit Kartonabfall stehen.

Nicht schön soll es sein, einfach billig (siehe Box weiter unten).

Sie werfen die Ware, um schneller zu sein

Doch wie ist es, bei Action zu arbeiten? Die Reportage von France 2 zeichnet kein positives Bild. Alle Mitarbeitenden tragen ein Headset, damit ihnen jederzeit neue Arbeit zugewiesen werden kann. Einige der Pakete sind schwer, Mitarbeitende ächzen unter dem Gewicht. Eines Morgens erscheint ein Kollege nicht zur Arbeit. Die restlichen, darunter Undercover-Reporterin Marie, müssen nun noch schneller arbeiten. Aufnahmen zeigen, wie die Mitarbeitenden aus Zeitdruck die Schachteln mit den Waren vor die Regale werfen, statt sie einzuräumen.

Der Dauerstress und die körperliche Belastung haben Folgen. In den beiden Filialen, in denen France 2 recherchiert hat, litt laut der Reportage eine Mehrheit der Mitarbeitenden an körperlichen Beschwerden, «sogar die jungen und die sportlichen». Ungenügend erscheint auch der Schutz vor Unfällen. Arbeitshandschuhe gebe es für die ganze Filiale nur ein Paar, bekommt Marie zur Auskunft: «Wer zuerst kommt, erhält sie.»

Kritik kommt auch von Gewerkschaften in einigen anderen Ländern. In den Niederlanden bestand ein Gesamtarbeitsvertrag zwischen Action und der Gewerkschaft FNV. Doch Ende 2017 wurde er nicht verlängert, weil Action, so die Gewerkschaft, «nicht mehr bereit ist, einen guten neuen Vertrag auszuhandeln». Seither verhandelt Action nur noch mit dem eigenen Betriebsrat.

Streik in Belgien

Gar zu einem Streik kam es letztes Jahr in Belgien. Zuerst legten nur die Mitarbeitenden einer Filiale die Arbeit nieder, um gegen die chronische Überlastung zu protestieren. Als sich weitere Standorte dem Streik anschlossen, musste Action mit der Gewerkschaft CSC verhandeln. Das Ergebnis freut die Mitarbeitenden:

520 mit Teilzeitvertrag können, wenn sie wollen, ihr Pensum erhöhen. So sinkt die Arbeitsbelastung für alle.

Noch ist der erste Schweizer Action-Laden nicht eröffnet. Wie die Arbeitsbedingungen hierzulande sind, wird sich also erst zeigen. work hat Action mit der französischen Recherche konfrontiert. Bis Redaktionsschluss kam keine Reaktion. Unbeantwortet blieb auch die Frage, welche Löhne die Kette in der Schweiz zahlen wird.

Fast jeden Tag ein neuer Laden: Das ist Action

Die Kosten drücken und schnell expandieren: Nach diesen zwei Prinzipien überrollt Action ganz Europa. Mehr als zwei Drittel der Produkte stammen aus asiatischen Ländern, wo sie der Discounter in riesigen Mengen günstig einkauft. Um Kühlung und Haltbarkeit braucht er sich nicht zu kümmern – das verbilligt Transport und Logistik. Diese hat er überdies weitgehend ausgelagert, allerdings mit hochgradig detaillierten Vorgaben: Effizienz ist die oberste Maxime. Europaweit standardisiert sind auch die Filialen. Sie bieten, so das Unternehmen, «in jedem Land ein nahezu identisches Sortiment».

Zum Erfolgsrezept gehört ebenfalls, dass dieses Sortiment ständig verändert wird. In den Schweizer Läden, so das Versprechen, soll es jede Woche 150 neue Produkte geben. Action lockt somit die Kundschaft nicht nur mit der Aussicht auf Schnäppchen, sondern auch mit der Angst, etwas zu verpassen.

All das zieht. Die Kette mit Sitz in den Niederlanden betreibt an die 3000 Läden in 12 Ländern. Allein letztes Jahr hat sie 352 neue Filialen eröffnet. Fast jeden Tag eine, Sonntage mitgezählt. Und sie dürfte ihren Mehrheitsbesitzern, einer britischen Finanzgesellschaft namens 3i Group, satte Profite bescheren. Laut «Handelszeitung» liegt die Bruttomarge von Action zwischen 35 und 40 Prozent, während sie bei Hard-Discountern üblicherweise um die 24 Prozent betrage.

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